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Übergänge begleiten – Brücken bauen

Fachtagung Autismus im Bugenhagen Berufsbildungswerk in Timmendorfer Strand.

Der Erstklässler Jonas versteht die Welt nicht mehr: Warum verlangt die Lehrerin von ihm, dass er Zahlen im Zahlenraum bis 20 addiert und subtrahiert? Jonas hat da keine Lust drauf.Zuhause macht ihm Mathematik Spaß, da beschäftigt er sich mit Prozentrechnung im Milliardenbereich. Aber seine Lehrerin glaubt ihm das nicht: Ausgerechnet Jonas, der Mathematik so langweilig findet?Der Schulbesuch ist ein wichtiger erster Schritt auf dem langen Weg ins Berufsleben.

 

Die Fachtagung Autismus mit dem Titel „Übergänge begleiten – Brücken bauen“, die am 12. November 2011 in Timmendorfer Strand stattfand und von Teilnehmer/innen aus vielen unterschiedlichen Berufsfeldern besucht wurde, widmete sich in Form von Fachvorträgen und Themengruppen der Frage, wie Menschen mit Störungen aus dem Autismusspektrum ihren Weg zur beruflichen Bildung und durch diese hindurch erleben und wie sie dabei fachgerecht unterstützt werden können. Das Bugenhagen Berufsbildungswerk bot als Einrichtung der beruflichen Rehabilitation, die sich seit 2005 für Menschen mit Störungen aus dem Autismusspektrum geöffnet hat und mittlerweile rund 50 von ihnen ausbildet bzw. auf eine Ausbildung vorbereitet, einen besonders passenden äußeren Rahmen für diese Thematik.
Das Beispiel des Autisten Jonas (der im Rahmen der Fachtagung gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Diana Will seinen schwierigen Bildungsweg für die Tagungsteilnehmer/innen rekapitulierte) macht deutlich, wie ein ungeeigneter Umgang mit dem Störungsbild einen ungünstigen Bildungsverlauf einleiten kann, der mit fortschreitender Zeit immer schwerer auszugleichen ist. Jonas selbst hatte nach einigen „verschenkten“ Schuljahren dann doch noch Glück – er geriet mit Diana Will an eine Fachkraft, die ihn kompetent begleiten konnte. Mittlerweile bereitet er sich zielstrebig auf das Fachabitur vor.
Viele Menschen mit Störungen aus dem Autismusspektrum erhalten jedoch in Schule und Berufsausbildung nach wie vor zu wenig oder nicht die richtige Unterstützung – oder aber diese setzt erst zu einem Zeitpunkt ein, an dem das Kind schon in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist.  Alle zur Fachtagung Autismus geladenen Referent/innen wiesen deshalb in ihren Beiträgen auf die große Wichtigkeit der Aufklärungsarbeit hin, die durch Fachkräfte, aber auch durch die Betroffenen selbst geleistet werden kann und sollte. Denn das Störungsbild Autismus entspricht aufgrund seiner „Unsichtbarkeit“ nach wie vor nicht dem prototypischen Bild eines behinderten und auf Unterstützung angewiesenen Menschen, wie die Leiterin des Bugenhagen Berufsbildungswerkes, Inka Kielhorn, in ihren Begrüßungsworten zur Fachtagung betonte.
Sehr unterschiedliche, mehr oder weniger erfolgreiche Schul- und Berufskarrieren von Menschen mit autistischen Störungen stellte Bernd Maaß von der Beratungsstelle für Schulische Bildung von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten in Schleswig-Holstein in seinem Vortrag auf anschauliche Art und Weise vor. Der Referent wies insbesondere auf die Wichtigkeit individueller und auf Autisten abgestimmter Angebote zur Vorbereitung auf Berufswahl und Berufsleben hin, da für diese Zielgruppe die üblichen Angebote der Schulen nicht ausreichen. Von zentraler Bedeutung ist das systematische Herausarbeiten der Kompetenzen und Ressourcen der Betroffenen. Nicht jeder Autist verfügt wie der oben erwähnte Jonas über eine Spitzenbegabung in einem bestimmten Bereich – dennoch zeichnen sie sich viele von ihnen durch spezielle Interessen und vertiefte Kenntnisse in ausgewählten Bereichen aus und können, nicht zuletzt aufgrund ihres Störungsbildes, meist mit ausgeprägten Arbeitstugenden wie Detailgenauigkeit und Zuverlässigkeit aufwarten.
Mit den Schwierigkeiten, denen junge Menschen mit autistischen Störungen beim Übergang ins Berufsleben hinsichtlich der Gestaltung sozialer Kontakte begegnen, beschäftigte sich der Beitrag von Dr. Bärbel Wohlleben, Psychologin und Vorstandsmitglied im Bundesverband Autismus Deutschland e. V..  Anhand zahlreicher Beispiele aus ihrer Berufspraxis machte die Referentin deutlich, wie Besonderheiten in der Wahrnehmung sowie der Kommunikation autistischer Menschen (etwa bestimmte Über- oder Unterempfindlichkeiten oder das wörtliche Verstehen alles Gesagten) Schwierigkeiten in sozialen Zusammenhängen wie etwa dem Teamwork bedingen können. Gleichzeitig betonte sie, wie sehr sich die soziale Situation am Arbeitsplatz entspannen lässt, wenn sich das Umfeld in einigen Punkten auf den autistischen Menschen einstellt (also zum Beispiel beim Sprechen auf Ironie verzichtet) und dass autistische Menschen unter bestimmten Voraussetzungen durchaus in soziale Aktivitäten einbezogen werden können und sich dies – entgegen gängigen Klischees – oft auch wünschen.
Im Anschluss an die Vorträge bestand für die Teilnehmer/innen der Tagung die Möglichkeit, sich im Rahmen von Themengruppen noch einmal vertiefter mit dem Störungsbild Autismus aus therapeutischer, schulischer oder beruflicher Sicht zu beschäftigen. Eine von Diana Will geleitete Themengruppe beschäftigte sich mit sinnvoller bzw. weniger sinnvoller Begleitung autistischer Menschen („Begleiten, nicht adoptieren!“). Eine weitere Gruppe wurde von Hannelore Kastorff geleitet, die im Bugenhagen Berufsbildungswerk unter anderem als Autismus-Coach arbeitet. In dieser Gruppe konnten die Teilnehmer/innen aus Sicht eines anwesenden Auszubildenden erfahren, wie dieser sein Anderssein zu seinem Vorteil zu nutzen versucht und welche Hilfestellungen ihm das Berufsbildungswerk dabei bietet. Die von Bernd Maaß und Birgit Becker (Leiterin der Außenstelle Timmendorfer Strand der Beruflichen Schulen des Kreises Ostholstein) moderierte dritte Themengruppe beschäftigte sich damit, wie ein möglichst günstiger Umgang mit Autisten im Klassenzimmer aussehen kann: Sollte man die Tische in U-Form stellen – oder doch lieber nicht, weil das für einen Autisten möglicherweise zu viel visuellen Input bedeutet?
Neben vielseitigen Informationen in Form von Fachvorträge bot die Tagung den Teilnehmer/innen also auch die Möglichkeit zum individuellen Erfahrungsaustausch und der Diskussion spezifischer Fragen – nicht zuletzt während der Pausen, bei denen auf liebevoll dekorierten Tischen leckere Snacks aus der Küche des Bugenhagen Berufsbildungswerkes bereitgestellt wurden.
Das unbestrittene Highlight der Tagung war jedoch – als letzter Programmpunkt – der Auftritt von Axel Brauns, seines Zeichens Autist und Autor des Bestsellers „Buntschatten und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt“ (2002). Die Lesung aus dem autobiografischen Werk wurde auf äußerst unterhaltsame Art und Weise mit vielen weiteren Erinnerungen und Erfahrungen aus dem Leben des Autors angereichert und sorgte so für einen allseits gut gelaunten Ausklang des Tages. Für die gelungene Organisation der Veranstaltung wurde am Schluss insbesondere Friederike Hellwig-Siegeris, der Leiterin der Reha-Fachdienste des Bugenhagen Berufsbildungswerkes, herzlich gedankt.

Birte Uhlig
(Dipl.-Psychologin, Bugenhagen Berufsbildungswerk)


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