zum Inhalt

25.09.2015

„Mit einem Bett fängt es an...aber an diesem Bett hängt noch viel, viel mehr dran“

Dipl.-Sozialpädagoge und Internats-Betreuer Karl-Heinz Lorenz über das Sammeln von Möbeln, günstige Einrichtungsideen und der Vorbeuge von Mietproblemen

Das Ganze lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda

Seit 1991 arbeitet Karl-Heinz Lorenz bereits im Bugenhagen Berufsbildungswerk Timmendorfer Strand und übernimmt dort seit mittlerweile 18 Jahren zusammen mit Internats-Betreuer Rainer Drescher eine wichtige Aufgabe: Sie sammeln für zukünftige Absolventen, die keine familiäre oder sonstige Unterstützung im Hintergrund haben, Möbel, Elektrogeräte, Küchenzubehör oder auch Bettwäsche für die Erstausstattung der ersten eigenen Wohnung nach der Ausbildung. Dabei werden sie sowohl von vielen BBW-Mitarbeitern/-innen unterstützt, die wissen, dass immer Bedarf an jeglichen Möbeln besteht, aber auch außerhalb der Einrichtung haben Leute mittlerweile erfahren, dass sie ausrangierte, intakte Geräte oder dergleichen gerne an die jungen Auszubildenden abgeben können. Zudem fahren die beiden, oft auch privat, zu Wohnungsauflösungen oder entdecken auch mal etwas brauchbares im Sperrmüll, das sie dann an die Absolventen weitergeben. „Vorrangig brauchen wir immer Betten, aber eigentlich ist es ganz egal, alles hilft, da die meisten Wohnungen komplett leer sind und das Geld gerade in der Anfangszeit nach Kaution und Umzugskosten knapp ist“, erläutert Karl-Heinz Lorenz und freut sich über die diversen Unterstützungen.

Der Start ins eigene Leben ist immer klein

Das Feedback der Auszubildenden ist meist positiv und dankend, jedoch gehört auch viel dazu, ihnen so eine Schenkung sensibel zu verkaufen. „Oft sind die Vorstellungen der Jugendlichen fern der Realität und sie denken, dass nach der Ausbildung eine große Wohnung mit Flat-Screen und dergleichen kein Problem ist. Da muss man ihnen schon die Maßstäbe aufzeigen und erklären, dass sie sich am Beginn ihrer Berufslaufbahn befinden, in der eben noch nicht alles, was die Werbung so vorspiegelt und was man vermeintlich haben muss, zu ermöglichen ist. Man muss ihnen dann unsere Möbel sensibel verkaufen, dass dies keine „Bedürftigen-Spende“ oder abgelegter Müll ist, sondern eben wirklich gute Sachen, um auch ihren Selbstwert nicht zu senken. Man muss einfach die Vorstellungen der Auszubildenden anpassen an die Realität und dies ist meist eine  schwere Aufgabe“ erklärt der Betreuer und gibt damit Einblick, dass es eben nicht „nur“ um Möbel beschaffen geht, sondern auch ganz viele Emotionen daran hängen. Und Emotionen spielen sowieso in der Endphase der Ausbildung eine wichtige Rolle für alle Auszubildenden, da sie nach drei bis vier Jahren im Bugenhagen Berufsbildungswerk nun wirklich in ihr selbstständiges Leben entlassen werden und dieses auch bestmöglich meistern müssen, wozu natürlich auch ein passender Wohnraum gehört. Passende Ideen um auch eine kleine Wohnung praktisch und ansehnlich einzurichten holt sich Karl-Heinz Lorenz unter anderem bei Ikea, die seiner Meinung nach tolle Ideen haben, um kleinen Raum sinnvoll zu nutzen, welche dann von ihm und den Auszubildenden übernommen werden. „Oft helfen auch andere Auszubildende mit, sei es bei Um-bzw. Einzügen oder auch bei Entrümpelungen, damit diese dann gleich gelebte Solidarität erlernen.“

Die Zeiten werden immer härter

Wohnraum wird immer teurer und auch die Anforderungen an einen Mieter steigen stetig, ein Fakt, der die gesamte Gesellschaft betrifft, doch gerade im Hinblick auf viele Auszubildende ergeben sich weitere Probleme, die es zu lösen gilt , um einen erfolgreichen Integrationsprozess zu gewährleisten. „Viele Auszubildende haben mit einem positiven Schufa-Eintrag zu kämpfen, der meist aus nicht-bezahlten Handy-Verträgen resultiert. Wir versuchen den Auszubildenden schon zu Beginn ihrer Ausbildung zu verdeutlichen, dass die Ausbildung der erste Schritt in ein selbstständiges Leben ist und dazu gehört einfach auch seine finanzielle Lage einzuschätzen und, wenn nötig, daran aktiv zu arbeiten. In der heutigen Zeit ist es einfach so, dass fast jeder Vermieter eine Schufa-Auskunft verlangt und wenn diese dann positiv ist, muss man sich die Wohnung gar nicht erst anschauen fahren. Und ohne geeignete Wohnung wird es auch mit der Arbeitsstelle schwierig, genau wie es ohne Arbeit mit einer Wohnung schwierig wird. Wir nehmen da aber ganz bewusst die Auszubildenden mit in die Pflicht sich darum zu kümmern, jedoch wird es nicht einfacher im Laufe der Jahre etwas passendes zu finden. Und passen muss der Wohnraum auch, da gerade unsere Auszubildenden ganz individuelle Anforderungen an eine geeignete Wohnung haben, um beispielsweise sozialer Vereinsamung entgegenzuwirken.“ Welcher Einsatz für den Zuspruch einer Wohnung nötig ist, zeigt das Beispiel eines Absolventen aus diesem Jahr, der die gesamte Wohnung mit Hilfe von Herrn Lorenz, welcher sich extra eine Woche Urlaub dafür nahm, renoviert hatte und nur deshalb schlussendlich den Zuschlag bekam.

Wenn sie sich nicht melden, dann ist alles gut

Nach Beendigung der Ausbildung mit der Freisprechung sind die ehemaligen Auszubildenden auf sich allein gestellt und müssen ihren Platz in unserer Gesellschaft finden. Dass es gerade in der ersten Zeit noch zu Schwierigkeiten kommt, ist nicht außergewöhnlich, da Behördengänge, Umgang mit Daueraufträgen etc. fortan alleine getätigt werden müssen. Das Bugenhagen Berufsbildungswerk und seine Mitarbeiter/-innen im Integrationsdienst, aber auch der soziale Dienst oder eben Betreuer wie Karl-Heinz Lorenz oder Rainer Drescher sind aber weiterhin als Anlaufstelle verfügbar, wenn es mal brennt. „Dies ist oft ungefähr ein halbes Jahr der Fall, dann haben sich die meisten Absolventen an ihr selbstständiges Leben gewöhnt. Wir wissen immer, wenn sie sich nicht bei uns melden, dann ist alles gut, dann haben wir ein gutes Gefühl, da das, was wir als Mitarbeiter ihnen mitgegeben haben ausreicht, um ihr eigenes Leben zu meistern.“

zurück zur Übersicht