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06.08.2007

Das Glück liegt in der Normalität des Alltags

Die Kooperation zwischen der Helios-Klinik und dem Bugenhagen Berufsbildungswerk wird zur persönlichen Erfolgsstory eines Auszubildenden.

Die Weichen sind gestellt

In den vergangenen 4 Jahren hat Markus Fischer die Weichen für sein Leben neu gestellt. Heute lebt er in einer intakten Partnerschaft, ist Vater eines gesunden, sechs Monate alten Sohnes und hat seine Berufsausbildung zum Verkäufer erfolgreich abgeschlossen.

Die nächste Herausforderung besteht für ihn darin, einen passenden Arbeitsplatz in Thüringen zu finden.

Thüringen ist die Heimat von Markus und seiner Freundin Anne. Schon lange stand fest, dass die beiden nach Markus´ Ausbildung dorthin zurück gehen.

Verschlossene Denkschubladen

Am 02. Dezember 2000 wird der Lebensweg von Markus brutal unterbrochen, als er auf dem Nachhauseweg vom Kino auf dem Bürgersteig von einem betrunkenen Autofahrer angefahren wird. Damals ist er gerade 17, der Fahrer ist nur unwesentlich älter. Mit gebrochenem Oberschenkel, zertrümmerter Kniescheibe, Leberriss und schwerem Schädel-Hirn-Trauma kommt Markus ins Krankenhaus und wird dort für 4 Tage in ein künstliches Koma versetzt. Die Genesung schreitet dann zum Glück schnell voran, so schnell, dass er das Krankenhaus schon zu Weihnachten wieder verlassen und zur orthopädischen Rehabilitation gehen kann. Körperlich geht es ihm bald wieder besser.

Allerdings muss er seine kurz vor dem Unfall begonnene Berufsausbildung zu Elektroinstalla­teur aufgeben. Der Unfall hat seinen Rücken in Mitleidenschaft gezogen, schwere Waschma­schinen kann er nicht mehr tragen. Markus beginnt seine zweite Ausbildung zum Elektro-Fachverkäufer, stellt dann aber fest, dass das Schädel-Hirn-Trauma tiefe Spuren hinterlassen hat: Logische Schlussfolgerungen fallen ihm schwer. Er kann sich nicht auf längere Kundengespräche konzentrieren und fühlt sich zunehmend durch die Ausbildung überfordert.

„In meinem Kopf gab es Schubladen, die ich nicht mehr öffnen konnte“, beschreibt Markus sein Gefühl von damals. Auch die zweite Lehre scheitert. Nach und nach verliert er das Vertrauen zu sich selbst und zu anderen Menschen. Markus isoliert sich mehr und mehr und gerät immer tiefer in eine Sackgasse. Er weiß, dass er etwas tun muss, aber er weiß nicht, was.

Die Wende kommt mit dem neuen Hausarzt

Als er seinen Hausarzt wechselt, wendet sich das Blatt. „Dr. Bader hat mich ernst genommen. Wenn ich mich krankschreiben lassen wollte, hat er mir nicht unterstellt, faul zu sein, sondern nach dem Warum gefragt. Er hat gesehen, dass es mir schlecht ging und mir zu einer neurologischen Rehabilitation geraten. Und er hat mir geholfen, die richtige Klinik zu finden.“ Für Markus ist das die Helios Klinik in Geesthacht, eine Klinik, die sich auf neurologische Rehabilitationen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen spezialisiert hat.

Zweite Chance

Im März 2003 - mehr als 2 Jahre nach seinem Unfall - fährt Markus Fischer nach Geesthacht. Auch wenn sich ihm dort eine neue Perspektive bietet, beginnt Markus die Reha missmutig. „Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, ich kannte niemanden und ich wollte auch niemanden kennen lernen. Obwohl ich das deutlich gezeigt habe, hat sich Kerstin[1] von Anfang an sehr um mich bemüht. Irgendwann hat sie es dann geschafft, meine Tür einen Spalt weit zu öffnen. Kerstin war die erste, der ich nach zwei Jahren wieder vertrauen konnte.

Zur Arbeitstherapie hatte ich am Anfang gar keine Lust. Um mich zum Durchhalten zu bewegen, hat Herr Garms[2] nicht nur Geduld bewiesen, sondern auch Druck gemacht. Aber er hat nicht nur geredet, er hat mir auch gezeigt, dass ich etwas kann. Nach und nach wurde meine Motivation größer.

Ganz besonders wichtig für mich waren die Schule und das Hirnleistungstraining. Ich hatte zum Beispiel vergessen, wie man den Dreisatz anwendet. Der Lehrer hat solange mit mir geübt, bis ich ihn wieder konnte.

Nach und nach ließen sich einige Schubladen in meinem Kopf wieder öffnen und ich konnte anfangen, die Dinge neu zu ordnen.

Abends habe ich gemeinsam mit anderen Patienten gespielt - Brettspiele oder Karten. Wir haben gewürfelt, Filme angesehen oder wir sind zum Kino oder Eisessen gefahren. Auf einmal hatte ich wieder Lust, etwas mit anderen zu unternehmen.

Bugenhagen Berufsbildungswerk

Nach einem halben Jahr in Geesthacht habe ich begonnen, mir Gedanken über meine berufliche Zukunft zu machen. Die Therapien in der Klinik wurden reduziert. Ergänzend dazu bin ich dienstags bis donnerstags zur Arbeitserprobung in das Bugenhagen Berufsbildungswerk in Timmendorfer Strand gefahren Dort habe ich zuerst in das Berufsbild „Recycler“ hineingeschnuppert aber bald gemerkt, dass mein Rücken nicht mitspielt.

Nach Eignungstests, Arbeitserprobungen und vielen Gesprächen, konnte ich mir vorstellen, es doch noch einmal im Verkauf zu probieren. Im Januar 2004 bin ich dann ganz in das Internat am Timmendorfer Strand gezogen, um meine Berufsausbildung zu beginnen.

Weil ich Angst davor hatte, die Ausbildung zum Verkäufer nicht zu schaffen, habe ich zunächst Verkaufshelfer gelernt. Das war einfacher für mich. Nachdem ich diese Ausbildung als Landesbester abgeschlossen hatte, war klar, dass ich weiter machen würde. Das heißt, zuerst war es nur für meine Ausbilderin, Frau Kastorff, klar. Die wollte mich mit dem Abschluss „Verkaufshelfer“ nicht gehen lassen und hat mich mit viel Fingerspitzengefühl davon überzeugt, dass ich mehr erreichen kann.

Während der Vollausbildung zum Verkäufer habe ich in dem kleinen Ladengeschäft im Berufsbildungswerk gearbeitet, aber auch im Lager und in der Jufi[3] – einem Büro, das selbständig von Auszubildenden des Berufsbildungswerks organisiert wird und für die Beschaffung von Büromaterial für das gesamte Haus verantwortlich ist.

In Praktika bei einem Bäcker und in einem Drogeriemarkt habe ich gelernt, wie „draußen“ gearbeitet wird. Mein letztes Praktikum fand in einem Lebensmittelgeschäft statt, das mir spontan einen Arbeitsvertrag angeboten hat.

Da meine Freundin Anne und ich nach der Ausbildung zurück nach Thüringen gehen wollten, habe ich das Angebot abgelehnt, gefreut habe ich mich trotzdem.

Der Weg aus der Sackgasse

„Ein nicht ausreichend diagnostiziertes Schädel-Hirntrauma mit leichten, für die Umgebung nicht sichtbaren Störungen der Hirnfunktion (kognitiven Fähigkeiten) ist häufig der Beginn einer Abwärtsspirale“, sagt Dr. Achim Nolte, Chefarzt in der Helios Klinik Geesthacht. „Durch die Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten wird die berufliche Laufbahn unterbrochen. Wie bei Markus Fischer folgt oft der Verlust von Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Der normale Alltag wird zur Überforderung, das Selbstwertgefühl sinkt, Depressionen,

Alkohol- und Drogenmissbrauch sind nicht selten die Folge. Allein hat man kaum eine Möglichkeit, diesem Teufelskreis zu entfliehen.

Nach einem Schädel-Hirn-Trauma ist daher grundsätzlich professionelle Hilfe notwendig.

Bei der neurologischen Rehabilitation werden die kognitiven Fähigkeiten genau geprüft und Stück für Stück wieder aufgebaut. Hirnleistungstraining nach neuropsycholo­gischen Tests, individuelle Arbeitserprobung und ein ausgereiftes pädagogisches Konzept bereiten den Rehabilitanden auf seine Integration in den Arbeitsprozess vor.

Der wertschätzende Umgang mit dem Betroffenen ist genau so wichtig wie eine detaillierte Festlegung und konsequente Verfolgung der Reha-Ziele, und die Vernetzung mit kompetenten Netzwerkpartnern“, fasst Dr. Nolte die Erfolgsfaktoren zusammen.

Das Zusammenspiel mit dem Bugen­hagen Berufsbildungswerk (BBW)

Der Übergang von der medizinischen zur beruflichen Rehabilitation verläuft eng verzahnt und wird durch regelmäßige Berufskonferenzen und durch viele Telefonate zwischen Geesthacht und Timmendorfer Strand begleitet.

Die meisten Rehabilitanden verbringen ihre ersten Stunden im Berufsbildungswerk mit Assessmentverfahren, in denen geprüft wird, wo die beruflichen Fähigkeiten und Neigungen liegen. Daran schließt sich eine mehr oder weniger lange Periode der Arbeits- bzw. Belastungserprobung an. Einen 8-Stunden-Tag durchzuhalten, ist ein wichtiges Ziel der Arbeitserprobung. Genauso wichtig ist die Entwicklung einer realistischen Berufspers­pektive.

Im BBW können die Rehabilitanden unter 30 Berufen auswählen. Fällt die Wahl auf einen Beruf, in dem das BBW nicht ausbildet, wird gemeinsam nach einem geeigneten Ausbildungsplatz gesucht.

„Wir verfügen über eine mehr als 30-jährige Erfahrung in der Berufsausbildung,“ sagt Friederike Hellwig-Siegeris, Psychologin im BBW. „Mit dieser Erfahrung stehen wir den jungen Menschen bei Ihrer Berufswahl beratend zur Seite. Ab und zu ist die Wahl, die dann getroffen wird, auch für uns eine Zitterpartie - denn ein frühes Scheitern würde die jungen Menschen wieder zurück werfen. Aber wir finden fast immer einen guten Weg – so wie bei Markus Fischer.“

Auch im BBW stehen die Auszubildenden zu jeder Zeit im Mittelpunkt des Denkens und Handelns. Die eigentliche Ausbildung wird von individuellen Förderplänen flankiert, in denen gemeinsam mit den Auszubildenden Ziele vereinbart werden, die die persönlichen und sozialen Kompetenzen stärken.

Dr. Susanne Krüger

Helios Klinik

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